Erschlagt die Armen von Shumona Sinha | Buchbesprechung

17 März 2017

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Eine junge Frau schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf und findet sich in Polizeigewahrsam wieder. Dort soll sie sich erklären: Was treibt eine dunkelhäutige Frau indischer Abstammung, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Antragsteller, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht - und ist angewidert vom System, dessen Teil sie geworden ist. Als Migrantin bleibt sie fremd in den Augen der Beamten, aber auch ihren ehemaligen Landsleuten ist sie entfremdet - als eine, die es geschafft hat. Schliesslich scheint es auch für sie in der menschengemachten Enge der Welt eine andere Begegnungen als den Angriff zu geben.

Nautillus Verlag | 130 Seiten | Original Französisch | übersetzt von Lena Müller | Gebunden | ca. 19.99 Euro [D]


Ich habe viel von Shumona Sinha gehört, viel über besonders diesen Roman gelesen, viele Fragen und Ideen gehabt, nachdem ich den Klappentext gelesen habe. Mir schien eine gewisse Ähnlichkeit und natürlich auch grosse Differenz zu Abbas Khiders Ohrfeige (ein Buch, welches wir kürzlich besprochen haben: klick) aufzuweisen - es geht um das Asylsystem in einem Land der EU und um einen Gewaltakt. Während dieser in Ohrfeige aber verübt wird, um Worten Gehör zu verschaffen und einem Asylbewerber eine Stimme und Identität zu geben, wird hier zwar auch eine Figur vorgestellt, die viel zu sehr im ganzen System verschwindet, aber die Gewalttat verübt, weil es Worte nicht können. Und so habe ich auch den ganzen Roman ein wenig wahrgenommen - er ist natürlich gefüllt von Worten, wunderschönen und bittertraurigen Worten, aber ich habe nur Momentaufnahmen mitgenommen und kein grosses Gedanken. Ich nehme euch heute also mit auf diese wundersame Reise durch einen mir sehr komplex erscheinenden Roman - denn ich habe während dem Lesen vier Mal meine Gedanken in einer Art Lesejournal niedergeschrieben und möchte die nun mit euch teilen - ebenso wie manche Worte aus dem Roman, die mir geblieben sind, die grosse Stärke von Shumona Sinhas Schreiben, wie ich finde.

Seite 35

"Das Leben ist ein Monolog. Auch wenn man glaubt, ins Gespräch zu kommen, ist es nur das zufällige Zusammentreffen von zwei Monologen, die vielleicht ein wenig verwundert voreinander zum Stehen kommen. In den Büros trafen Fragen und Antworten aufeinander, ohne in Kontakt zu treten."

Ich fühle mich noch nicht richtig angekommen, noch nicht richtig versanden und frage mich, ob sich daran noch etwas ändern wird. Ich kann weder eine Sympathie noch eine Antipathie zur Protagonistin aussprechen und bleibe so eher verwundert. Auf extrem poetische Passagen folgen mir nicht ganz nachvollziehbar scheinende Gedankengänge. Die Spannung bleibt also, ist vielleicht sogar noch gestiegen, gleichzeitig verspüre ich keinen wirklichen Drang, weiterzulesen.

Seite 63

"Es war einer der Tage, an denen man die Hände ins Licht tauchen kann wie in Honig."

Mittlerweile, zumindest auf den letzten paar Seiten dieses Abschnitts, bin ich schon mehr angekommen und Sinhas schöne Wortetrugen mich wie als Fluss - wahrscheinlich hat dies damit zu tun, dass sie mal zusammenhängend waren - denn schön oder treffend sind sie fast immer, aber es sind wie einzelne Blütenblätter, die als Gesamtes eben keine Rose ergeben. Ich hangle mich mehr den Worten nach anstatt entlang der Handlung oder der Protagonistin. Denn auch wenn ich sie nun vielleicht besser verstehen vermag, werde ich doch nicht so richtig warm mit ihr. Da das Buch nur etwas mehr als 120 Seiten besitzt, wird es auch höchste Zeit, anzukommen - in der Mitte des Buches.


Seite 95

"Er gehört zu keinem Land. Er gehört nur sich selbst. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, erinnert er sich nur an die Grenzen. [...] Er sammelt Grenzen. Er sammelt Stacheldraht, tauben Wind und Leere."

Während sich in den vorherigen Abschnitten Szenen aus ihrem Büro und Beschreibungen geographischer Tatsachen aneinanderreihten, wurde ich hier endlich von der heissersehnten Selbstreflexion der Protagonistin, die sich jedoch immer noch nicht fassen lässt, überrascht. Auf andere, physischere Weise als erwartet. Ich kann der Handlung, die sich zu verändern scheint, allerdings immer noch kaum folgen, alles fühlt sich so wirr an.

Seite 130

"[...] die man Entwicklungsländer nennt, was den Eindruck erwecken soll, es gäbe Veränderung, es gäbe Entwicklung, weil das Elend nicht nur den Elenden Angst macht, sondern auch denen, die im Warmen sitzen."

Irgendwie war das Buch nichts für mich. Und versteht mich nicht falsch, ich brauche nicht immer klar fassbare Protgonist_innen, klar fassbare Handlungen oder überhaupt irgendeinen eingrenzenden Rahmen. Ich schätze Sinhas Talent dafür, Worte klingen zu lassen - sie startete nämlich auch als Dichterin, und in diesem Genre sehe ich sie ganz eindeutig als Meisterin ihres Gebiets, ohne bloss irgendein Lyrikstück ihrerseits gelesen zu haben. Vielleicht habe ich das aber auch getan, denn so fühlt sich der ganze Roman irgendwie an. Schleierhaft, zusammenhangslos, aber schön. Das Problem ist nur, dass doch eine Geschichte, eine wundersame, erzählenswerte Geschichte dahintersteckt, dass einer Person wie ihr selbst eine Stimme zu schenken ist, und doch höre ich sie nicht - vielleicht war hier und da ein Ansatz, ein Flüstern.

Die schönen Worte rieseln wie feine Kristallsplitter durch meine geöffneten Hände, und irgendwie bleibt da leider so wenig zurück, beinahe Nichts, ein Hauch von Nichts. Kristalle riechen nicht besonders, dabei wäre ich mit einem strahlenden, blütenähnlichen Duft genauso zufrieden gewesen wie mit einem strengen, von Angst und Schmerz genährten Geruch.
Doch, da ist ein kurzer Moment, indem ich alles gleichzeitig rieche, aber dann ist das Buch auch schon vorbei. Und vielleicht hat es damit ja auch sein Ziel erreicht, so aufgewühlt, wie es mich zurücklässt.


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