americanah | feministische buchbesprechung

13 August 2017

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Chimamanda Adichie erzählt von der Liebe zwischen Ifemelu und Obinze, die im Nigeria der neunziger Jahre ihren Lauf nimmt. Dann trennen sich ihre Wege: Die selbstbewusste Ifemelu studiert in Princeton, Obinze strandet als illegaler Einwanderer in London. Nach Jahren stehen sie plötzlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Adichie gelingt ein eindringlicher, moderner und hochpolitischer Roman über Identität und Rassismus in unserer globale Welt.

Ich fürchte mich jetzt schon ein wenig vor dem Verfassen dieser Rezension. Ich habe Angst, dass ich diesem wunderbaren Roman von Chimamanda Ngozi Adichie nicht gerecht werden kann, werde ich auch nicht, aber ich werde versuchen, euch zu erzählen, weshalb ihr dieses Buch unbedingt lesen solltet. Die Beschreibung des Buches, die ihr oben im kursiv gedruckten Text seht, stimmt, aber ist dennoch nicht ganz treffend. Es steckt nämlich viel mehr dahinter. Das Buch ist in der Taschenbuch Version nämlich über 600 Seiten dick und in meiner Mini- Version hat es sogar über 800 Seiten. Es erzählt ein ganzes Leben. Unsere Hauptperson ist Ifemelu, eine Nigerianerin. Die Geschichte beginnt damit, dass sie in den USA in einem Haarsalon sitzt und sich Zöpfe flechten lässt. Bereits auf den ersten Seiten erfährt man dann, dass sie nach dreizehn Jahren in Amerika wieder zurück nach Nigeria gehen machen. Nach Hause in ihre Heimat. Von da an ist das ganze Buch ein Wirrwarr der Zeiten. Ifemelu nimmt uns mit in ihre Vergangenheit. Sie erzählt aus ihrer Kindheit und aus ihrer Schulzeit. Sie erzählt von ihren Freundinnen von damals, ihrem Leben in Nigeria, wie sie Lagos als Stadt wahr genommen hat und was sie damals bewegte. Sie beschreibt ihr Kennenlernen mit Obinze, ihrem ersten richtigen Freund. Sie entführte mich in eine mir fremden Welt. Das ist der erste grosse Abschnitt von Ifemelus Leben und somit auch des Romanes. Aber der viel grössere Abschnitt beginnt mit dem Umzug nach Amerika. 


In Amerika angekommen, erfährt Ifemelu an Leib und Seele, was es heisst aus Nigeria zu kommen. Sie erfährt, was es bedeutet Schwarz zu sein. Eine nicht amerikanische Schwarze und mit ihr erfährt es auch der Leser / die Leserin. Chimamanda Ngozi Adichie hat das grosse Talent mit unglaublich viel Nachdruck schreiben zu können. Sie schreibt mit einer so gewaltigen Intensität, dass es nicht nur einmal vorkam, dass ich Gänsehaut beim Lesen bekam, weil es sich so real anfühlte. Es fühlte sich an, als würde Ifemelu mir alles so genau erzählen wollen, dass ich es am eigenen Leib spüre. Ein Neuanfang ist immer eine Herausforderung. Besonders in einem Land mit ganz anderer Kultur, anderen Sitten und einer anderen Sprache. Die Schwierigkeiten der fehlenden Sprachkenntnisse, waren zum Glück für unsere Protagonistin kein Problem. Obwohl sie auch Igbo spricht, hat sie schon als kleines Kind auch Englisch gesprochen. Zusammen mit Ifemelu habe ich mitgefiebert, ihr auf einer Wohnungssuche geholfen, sie an die unzähligen Jobinterviews begleitet und ihre Sorgen um das Geld geteilt. Ich habe sie begleitet auf ihrem Weg Berg auf. Ich habe ihre Freunde und ihre Tante und deren Sohn kennengelernt und mit ihrer Stimme gelauscht, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt hat. Viele Geschichten sind positiv, aber meisten sind sie auch negativ geprägt. Und alles vor allem wegen dem einen Grund: Ifemelu ist schwarz. Ich möchte sagen, dass ich gemerkt habe, was es bedeutet dunkelhäutig zu sein. Aber das habe ich natürlich nie und nimmer nicht, ich habe höchstens eine Vorstellung der Umstände erhascht, aber am eigenen Körper habe ich das alles nicht erfahren und wahrscheinlich noch immer keine Vorstellung davon. 

Die Wut die sich in Ifemelu angestaut hat, ihre Denkweise und die verschiedenen Erlebnisse wurden sehr deutlich. Ifemelu ist ein sehr starker Charakter, sie ist nicht leise und sie sagt, was sie denkt. Sie ist mutig und auch etwas frech, schon in der Highschool hatte man Respekt vor ihr. Sie ist das Mädchen, das auch streitet. Und als Leserin war es unglaublich toll zu sehen, dass sie diese Energie und dieses Gefühl nicht losliess, dass sie sich zwar stetig verändert hat, aber nicht auf ihren Mund gehockt ist und ihre Meinung geäussert hat. Sie hat begonnen einen Blog zu schreiben, einen Blog über Rasse. Ab etwa der Hälfte des Buches werden immer wieder solche Blogposts abgedruckt und die haben mich wirklich geflahst. Das Spiel der Worte und der Umgang damit, wow. Sie haben mich wach gerüttelt und sie haben mich auch etwas hinters Licht geführt. Häufig habe ich mich auch etwas ertappt gefühlt, in meinem Denken und in meinem Handeln. Ich habe selten so viel aus einem Buch gelernt. Die Liebesgeschichte zwischen Obinze und Ifemelu ist während des ganzen Buches ziemlich zentral, da wir auch einige Male Obinzes Geschichte aus seiner Sicht hören, aber überwiegend für mich waren eigentlich Ifemelus Erlebnisse in den USA und die Kritik an der Gesellschaft von ihrer Seite her. Was mir aufgefallen ist, ist dass das Buch sehr viele Dialoge hat. Viel mehr, als man es sich gewohnt ist. Das hat das Buch zum Lesen etwas langfädiger gemacht; es ist sowieso kein 'Durchschletzer'. Dafür ist die Zeitspanne im Buch zu gross und der Inhalt zu schwer, zu tiefgründig. Ich bin total beeindruckt. Es hat mich traurig gestimmt zu sehen, dass ich und die Welt noch immer im Rückstand sind. Unglaublich. Besonders traurig haben mich auch die Passagen um die Wahl des Präsidenten Obama vor acht Jahren gestimmt... Americanah ist bereits 2012 erschienen und wenn man bedenkt, was das damals für ein Fortschritt war, Obama der Hoffnungsschimmer, und wenn man sieht, was heute aus den USA geworden ist, ist das echt ... unglaublich schrecklich. 


Ich habe selten so viel gelernt aus einem Buch, ich könnte noch so viel ansprechen und euch hundert Gründe nennen, weshalb es mich so beeindruckt hat, aber am besten lest ihr es einfach selbst. Es lohnt sich. Auch dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre in der Schule werden, Chimamanda Ngozi Adichie ist für mich wohl eine der allerwichtigsten zeitgenössischen Autorinnen. Eine Frau, die ich aus tiefstem Herzen bewundere. Auf die Frage, ob Americanah auch einige autobiographische Elemente beinhaltet, antwortet die Autorin: I spent only four years in the U.S. before I went back, and have since lived in both countries. That is a significant difference, as much of Ifemelu’s character is shaped by being disconnected from home for so long. Aber dennoch; Adichie hat eine Vorstellung des Lebens in den USA und das merkt man auch im Buch. So authentisch und einfach unglaublich gut. Ich liebte es. 

Herzlichen Dank an den Fischer Verlag für dieses Rezensionsexemplars!
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