schnell, dein leben | buchbesprechung

23 November 2016

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Mit grosser Klarheit und Wucht erzählt Sylvie Schenk die einfache Geschichte einer Frau aus den französischen Alpen, die sich während des Studiums in einen Deutschen verliebt. In ihrer neuen Heimat ist alles schwierig und ihr Mann ganz anders, als sie ihn kennengelernt hat. Zugleich erfährt Louise immer mehr Details aus der Vergangenheit des autoritären Schwiegervaters, der im Krieg in Frankreich war. Schnell, dein Leben ist die Entdeckung einer Autorin, die vor über fünfzig Jahren nach Deutschland kam und ebenso viele Jahre vergehen lassen musste, um genau diesen Roman schreiben zu können - eine Befreiungsgeschichte, ein neuer Blick auf Nachkriegsdeutschland, ein Lebensbuch.

Hanser Verlag, 160 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, Original Deutsch, 16 Euro (D)


Bevor wir die spannende Reise nach Frankfurt antraten, bekamen wir beide überraschenderweise noch ein Päckchen - darin befand sich dieses Buch mit netten Briefen, welche uns dieses Werk ans Herz gelegt haben. Martin Kordiċ, der Lektor, schilderte, wie er in eine ganze Nacht lang dieses Manuskript durchlas und hellwach begeistert war. Wir hatten, ebenso wie er, den Namen noch nie gehört und haben uns, nachdem wir den Klappentext durchgelesen haben, unglaublich auf das Lesen gefreut. Gegenseitig lasen wir uns dann also auf der Fahrt in die Buchmesse-Stadt Kapitel für Kapitel vor und genossen das Buch wahnsinnig. Nur schon durch das Vorlesen bekam das Buch eine besondere Stimmung und wird von uns immer mit einem Erlebnis verbunden sein. Dazu kommt, dass wir später die Autorin persönlich treffen durfte, an dem Anlass, dessen Einladung dem Buch beilag. Wir waren sehr verwundert, bei ihr einen starken Akzent herauszuhören, während sie uns erzählte, dass sie das komplette Buch auf Deutsch geschrieben hatte. Selten haben wir ein Buch mit einer solchen feinfühligen und schönen Sprache gelesen, ein wenig aussergewöhnlich, aber auf sanfte Weise. Vieles ist bis ins Detail beschrieben, aber nicht so, dass es zu viel wird. Wir erhalten ein wunderschönes Gesamtbild, die Sprache rundet die Atmosphäre der Szenen perfekt ab, welche alle sehr emotional sind. Ein anderer Lektor des Hanser Verlags meinte zu uns, dass ihre Sprache vielleicht gerade deswegen so sensibel ist - weil sie sie nicht so gewöhnt ist wie wir, weil sie nicht so alltäglich ist für Sylvie Schenk. Genau das scheint zuzutreffen; wir wollen alleine des Schreibstils wegen noch viel von ihr lesen.

Ihr Buch wird wohl viele autobiographische Elemente enthalten und vielleicht auch eher ältere ansprechen. Denn auf knapp 160 Seiten erzählt sie von den unterschiedlichen Phasen eines Lebens, von der Unsicherheit, die die Protagonistin immer verfolgt, die sich eigentlich mutig immer wieder in die Fremde wagt. Die unterschiedlichen Freunde von Louise würden wir alle liebend gerne kennenlernen, dabei schreibt sie so authentisch und erzählt so ausgiebig von ihnen, dass wir das ein Stück weit zumindest schon getan haben. Es gab einige Charaktere, die Parallelen aufwiesen zu Freunden von uns, was uns das Buch nochmals näher brachte. Wir sind als jugendliche Leserinnen in eine andere Zeit gerutscht, in die Nachkriegszeit, die uns einerseits unglaublich fremd erschien, aber doch nicht so weit entfernt, wie man meinen könnte - gerade momentan finden wir uns ja in einer Welt des Umbruchs wieder.



Ein Leben beinhaltet so wahnsinnig viel, und das Buch ist dünn, wie wir bereits angemerkt haben. Sie konzentriert sich auf einige wenige Punkte, und auch wenn es vielleicht nicht das wichtigste oder das speziellste ist, was sie für diesen Roman ausgesucht hat, sind es diejenigen Personen und Momente, die prägend sind und einen sein ganzes Dasein lang begleiten. Damit erschafft sie eine Art Lebensideal, ohne dass alles zu rund oder zu perfekt ist. Sylvie Schenk erzählt von Fixsternen, mit denen man als Mensch ganz individuell wahnsinnig viel verbindet, alle Emotionen durcheinander, aber die mehr oder weniger für immer existieren, in unseren Gedanken.

Irgendwie scheint oft nichts spezifisches zu passieren, und doch kann man sich gut in die Situation hineinversetzen, wie schon erwähnt, erzählt es 'einfach' vom Leben, und ist dabei eben doch anspruchsvoll, gerade, wenn man gewisse Lebensphasen noch nicht erleben durfte. Der Titel verrät in diesem Sinne sehr viel vom Buch, denn genau das ist es, auf eher wenigen Seiten bekommt man nämlich unglaublich viel. Und dafür möchten wir uns von Herzen bei Sylvie Schenk bedanken.



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