Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben sein | Buchbesprechung



Flora Banks Leben ist wie ein tausendteiliges Puzzle in allen Farben des Regenbogens. Jeden Tag muss sie es erneut zusammensetzen. Sie muss sich daran erinnern, wer sie ist und was los ist. Manchmal stündlich. Nichts, was seit ihrem 10. Geburtstag passiert ist, bleibt ihr im Gedächtnis. Doch auf einmal ist da diese eine Erinnerung in ihrem Kopf. Und sie bleibt, verschwindet nicht wie die anderen Details aus ihrem Leben. Es ist die Erinnerung daran, wie sie nachts am Strand einen Jungen geküsst hat. Bewaffnet mit Handy, Briefen von ihrem Bruder aus Paris, einem prallgefüllten Notizbuch und tausenden von Zettelchen macht sich Flora Banks auf eine Reise, die sie letztendlich zu sich selbst führt. Denn zum ersten Mal in ihrem Leben kann sie jetzt entscheiden, wer sie wirklich sein will.

Dieses Buch von Emily Barr wurde von Maria Poets ins Deutsche übersetzt und ist im diesjährigen Frühlingsprogramm vom Fischer Verlag. Die Geschichte handelt von Flora, eine Protagonistin, die mir während des ganzen Buches einfach nicht wirklich sympathisch wurde. Das hat vorwiegend damit zutun, dass man durch ihre Gedächtnisschwäche einfach nicht wirklich an das Mädchen herankommen konnte. Ich fand es während des Lesens sehr umständlich und mühsam immer wieder  aus Floras Sicht die eigenen Notizen auf ihren Händen zu lesen. Es dauert ewig, bis einmal etwas passiert. Die Geschichte ist irgendwie sehr 'strub'. Der Kuss, der in Floras Leben alles veränderte und es völlig auf den Kopf gestellt hat, ist absolut unromantisch und extrem kitschig! Am Strand, nach einer Party unter Alkoholeinfluss und dann erst noch mit dem Freund ihrer besten Freundin. Für mich war es deshalb nicht nachvollziehbar, dass jeder zweite Satz im Buch Ich liebe Drake ist. Mit diesen drei Worten wird um sich geworfen, so oft, dass es einfach zu überspitzt und unlogisch herüberkommt. 



Flora leidet an einer Amnesie. Sie ist nicht fähig sich an bestimmte Ereignisse zu erinnern seit sie zehn Jahre alt ist. Sie vergisst jeden Tag aufs Neue, wer sie ist, wo sie ist, was sie macht und ist absolut hilflos. Nun endlich hat sie aber eine Erinnerung an die sie sich klammert. Eben dieser Kuss mit Drake. Drake lebt aber nun nicht mehr in ihrem Örtchen, sondern in der Arktis. Die ersten Tage schreiben die beiden einander Emails, die meiner Meinung nach extrem übertrieben und zu extrem sind. Ein Beispiel: Er erzählt ihr, dass er sehr viel Zeit damit verbringt, sie nackt zu sehen. Die beiden haben sich ja nur geküsst und eigentlich gar nichts miteinander zu tun gehabt zuvor, eine viel zu krasse Wandlung, wie ich finde. Flora macht sich dann auf den Weg in die Arktis um ihren Traummann zu finden und Zeit mit ihm zu verbringen. Der zweite Teil der Geschichte ist definitiv spannender als der erste. Aber auch hier haben wir es mit unzähligen Wiederholungen zu tun und die Geschichte geht auch da nicht wirklich vorwärts. Richtig spannend wird der Roman erst im  dritten und letzten Teil. Hier wird nämlich das Rätsel aufgelöst und es werden einem einige spannende Fakten geliefert.


Das wäre doch ein spannendes Thema für die Geschichte. Ich habe mich gefragt, ob Emily Barr einen zweiten Band schreiben würde. Das wäre eine gute Basis für ein Jugendbuchroman, ein bisschen Abenteuer, Freundschaft, Liebe und Probleme, die sich zur Abwechslung nicht nur um Jungs drehen. Mir scheint es fast, als hätte die Autorin nicht mehr genau gewusst, was sie denn zum Schluss schreiben soll, und dann einfach abrupt alles zu Ende gebracht hat. Trotzdem hört es nicht ganz abgeschlossen auf, und lässt viel Platz für Neues. Denn hier werden keine Wiederholungen mehr gemacht und alles geht etwas schneller vorwärts. Da das Buch aber auch keinen harten oder schweren Inhalt hat, habe ich es in kurzer Zeit beendet und schon nach einem Tag niederlegen können. 

Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben sein, ist ein Buch, das mir so von der Thematik einfach nicht wirklich zugesprochen hat. Weder heute noch vor ein Paar Jahren. Ich merke mit jedem Jugendbuch, das ich beende, dass es mir einfach nicht mehr zuspricht und dass der Lesespass nicht mehr derselbe ist. Ich möchte mich Belletristik widmen, die mir etwas lehrt und die mir im Kopf bleibt. Hier war das leider nicht der Fall, mir hat das Buch leider nicht so gut gefallen. Aber es gibt bestimmt junge Leute, die sich dieser Art von Büchern lieber vornehmen, als ich.



Vielen herzlichen Dank an den Fischer Verlag für die Zustellung dieses Rezensionsexemplars!







ohrfeige | livresque amitié


Hier erzählt eine Freundschaft von ihrer Liebe zu Worten, dem Schreiben und Büchern.

Wir suchen uns Bücher aus, die uns faszinieren und lesen diese dann gleichzeitig. Während und unmittelbar nach dem Lesen behalten wir unsere Gedanken nur bei uns und widmen sie einzig einem Notizbüchlein. Später tauschen wir dieses dann aus um an der Meinung der jeweils anderen teilzuhaben. Hier erfahren wir dann, ob wir das Gelesene gleich  empfanden oder ob es Differenzen in unseren Ansichten zum Buch gibt. In den folgenden Beiträgen dieser etwas anderen Buchbesprechung werden auch die Seiten unserer schwarzen Notizbüchern abgebildet, damit auch ihr als Aussenstehende zwei direkte Auffassungen von ein und demselben Buch zu lesen habt. Wir sind wahnsinnig gespannt auf dieses Experiment.


Ein Flüchtling betritt die Ausländerbehörde, um ein letztes Mal seine zuständige Sachbearbeiterin aufzusuchen. Er ist wütend und hat nur einen Wunsch: dass ihm endlich jemand zuhört. Mit unverwechselbarer Stimme stellt Abbas Khider das Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft in Frage. Als Karim drei Jahre zuvor von der Ladefläche eines Transporters ins Freie springt, glaubt er in Frankreich zu sein. Bis dorthin hat er für seine Flucht aus dem Irak bezahlt. In Wahrheit ist er mitten in der bayerischen Provinz gelandet. – Er kämpft sich durch Formulare und Asylunterkünfte bis er plötzlich seinen Widerruf erhält und abgeschoben werden soll. Jetzt steht er wieder ganz am Anfang. Dieser ebenso abgründige wie warmherzige Roman wirft eine der zentralen Fragen unserer Gegenwart auf: Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf?




Mara

Es ist das Jahr, indem ich zu laufen begann, indem der Protagonist von Abbas Khiders Roman in Deutschland ankommt. Es ist das Jahr, indem der 11. September eine schwere Bedeutung zugeschrieben bekam und Karim Mensy, ebenjene Figur, seine Aufenthaltsbewilligung bekam - dies womöglich im Frühling, womöglich im Sommer, in jedem Fall aber vor diesem Attentat, welches für ihn besonders folgenschwer war. Seine Aufenthaltsbewilligung wurde Mensy entzogen, eine weitere illegale Flucht stand ihm also bevor. Jedoch verursachte die Ablehnung nicht sofort strategisches Planen von ihm, sondern vor allem selbstverständliches Unverständnis. Dies sollte jedoch die Seite wechseln. Und auch wenn seine Sachbearbeiterin ihm niemals zugehört hätte, erzählt er ihr hier seine Geschichte. Dabei ist Abbas Khider etwas besonders wichtig und vor allem auch gelungen: während Flüchtlinge oftmals namenlos, einer aus einer Masse, eine Zahl als ganzes oder einzelnes ist für die 'Einheimischen', wird einem von ihnen hier Identität und Individualität zurückgegeben, seine Sachbearbeiterin ist und bleibt jedoch geschickterweise anonym. Ob er ihr die Geschichte letztendlich wirklich erzählt, wissen wir nicht; denn so hart sie ist, hat er sich ihretwegen in den Drogenkonsum, in den Rausch geflohen. Eindringlich erzählt er dann von seinem Leben, welches so anders ist als das vieler Menschen, die im selben Kaff ansätzig sind. Er gibt auch seinen Mitgeflüchteten Lebendigkeit und Farbe zurück, und löst bei der Leser_innenschaft Mitgefühl und Verständnis aus. Interessante Aspekte kommen zum Zug, da Abbas Khider selbst Fluchterfahrung gemacht hat und so zielsicher formulieren vermag, wie sich das Verstecken in der Öffentlichkeit am Besten umsetzen lässt und spürt dabei scheinbar mühelos dem Rassismus unser alteingewohntes Strukturen auf. Im Buch scheint nichts halbherzig und Khider verschont uns zwar nicht, verschlimmert aber auch keine Details. So bekommt das Buch seinen ganz eigenen, konstanten Rhythmus, der nur manchmal von kursiv gesetzten, durch den Rau(s)ch vernebelten Gedanken und Gefühle aus der 'Zukunft' unterbrochen wird. Khider hat ein wichtiges Buch verfasst, was nichts auslässt, wenn es um das deutsche Asylwesen geht. Ausser vielleicht die Empathie der Behördenangestellten - moment mal, diese existiert ja auch nur ganz selten. Das Buch fungiert eben auch als Plädoyer, für das Zuhören und der daraus resultierenden Empathie. Ich bin sehr dankbar, dieses Buch erfahren haben zu dürfen.

Anaïs

Ich hätte mir keinen besseren Moment vorstellen können, um dieses Buch zu beenden: In der Badewanne an einem regnerischen Montagabend mit ruhiger Musik meiner Lieblingssänger im Hintergrund. Abbas Khider hat ein unglaubliches Buch geschrieben. Ohrfeige ist wohl eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Ich kann gar nicht recht beschreiben, was dieses Buch alles mit mir angestellt hat. Mein Horizont wurde aber definitiv erweitert. Es erzählt so viel Neues und so viel Altbekanntes. Es erzählt von einem Menschen, der dort, wo er war, nicht bleiben konnte und der da, wo er jetzt ist, keinen Weg findet ein neues und besseres  - oder überhaupt ein neues Leben zu finden. Er steckt in einer ewigen Sackgasse. Nichts scheint zu einem vernünftigen Ende zu führen. Die Tage sind gezählt. Die Zeit endet, obwohl sie in der neuen Heimat, wenn es dann je eine sein wird, noch gar nicht richtig begonnen hat. So hart, einfach und ohne jegliches Feingefühl schafft es Abbas Khider uns in seinen Worten gefangen zu nehmen und lässt uns einmal mehr unser privilegiertes Leben schätzen. Er bringt Schamgefühle in einem hervor. Ich schäme mich beinahe, dass ich aus gutem Haus komme. Dieses Buch ist so wichtig - alle Menschen sollen es lesen! Es spielt keine Rolle, dass es nicht direkt die jetzige Flüchtlingskrise anspricht, sondern diejenige um die 2000er Wende. Dieses Werk ist hoch aktuell, zeitlos und gerade schon ein Nachschlagewerk in Form eines Romans. Es sollte eine Schullektüre sein, aber nicht nur das: Es ist so viel mehr und soll so viel mehr noch sein. In diesem  eindringlichem Buch wird von einem Menschenleben erzählt, das so vielen Millionen Menschen gehören könnte - auch uns. Millionen von Menschen teilen das selbe Schicksal. Wahnsinnig eindrücklich. Nur schon der Aufbau der Geschichte - sie wird nämlich Frau Schulz von der Ausländerbehörde erzählt. Make love, not war.





sec 25 | buchhandlung


Die zweite Buchhandlung in unserer Reihe / Reise durch Zürich ist sec52. 
Der Name rührt daher, dass sie sich die Buchhandlung von Rico Bilger an der Josefstrasse 52 befindet. Diese liegt mitten im Zürcher Kreis 5, einem lebendigen und authentischen Viertel. Wir streichen oft durch dieses Quartier, in welchem sich auch viele unserer liebsten Cafés und Second-Hand-Shops befinden, wir lieben die künstlerische Atmosphäre und die verschiedenen Kulturen, die hier seit Jahren absolut friedlich aufeinandertreffen. Falls erwünscht werden wir euch Zürich und seine Kreise selbst mal noch näher bringen! 
Sec52 ist im Umkreis auch der einzige Buchladen, und wird auch deswegen am Samstag oft schnell voll. Die Auswahl gefällt uns beiden unglaublich gut, man fühlt sich wohl und wie in einer gut sortierten Bibliothek, so wie's sein sollte. Da die Räume klein sind, reichen die Regale vom Boden bis zur Decke und wer Bücher liebt, ist hier im Himmel. 
Die Einteilung gefällt uns besonders gut, man findet neben aktueller und spezieller Belletristik auch viel Poesie, englische Bücher, Kunst- und Designbücher und Kochbücher, genauso wie eine kleine aber feine Auswahl an Notizbüchern und Postkarten.
Auch wenn der Laden geschlossen hat, bietet das Schaufenster immer viel zu sehen. Es zeigt eine schöne Auswahl an besonderen Büchern, die es im Laden zu kaufen gibt.
Wenn man die Buchhandlung dann betritt, bekommt man noch viel stärker als in anderen Buchhandlungen das Gefühl, dass hier Bücher wirklich geliebt werden. Auf den ersten Blick, trotz unseres Lobs für die Einteilung, wirken die Räume fast ein bisschen chaotisch, eben wie bei Buchliebhaber_innen zu Hause. Aber schon nach ein paar Besuchen kennt man sich hier eben auch wie zu Hause aus, denn wiederkehren möchte man unbedingt. Und trotzdem findet man immer wieder neue Schätze!



Rico Bilder hat sich wirklich mit Leib und Seele den Büchern verschrieben. Neben seiner wunderschönen Buchhandlung hat er nämlich auch einen eigenen Verlag, der bilgerverlag. Dieser ist klein, bringt dafür aber wirklich besondere und auserwählte Bücher heraus. Hier könnt ihr euch das aktuelle Frühjahrsprogramm anschauen. Das Gefühl, welches er mit seiner Buchauswahl vermitteln möchte, spiegelt sich darin natürlich stark wieder. So werden alternative und andere Sichten gezeigt, ebenso wie der Schauplatz variiert und viele Karten neu gemischt werden. Genau das ist, was uns gefällt. Aber auch bei der Poesie hat er wirklich ein gutes Händchen und übersetzte so das von uns geliebte 'The Coral Sea' von Patti Smith, das Korallenmeer. 



Buchhandlung sec52
Josefstrasse 52
8005 Zürich

www.sec52.ch

Besonderheiten
+ Eigener Verlag, bilgerverlag
+ Bücherregale bis zur Decke
+ Eigene, unkonventionelle Ordnung, gute Auswahl
+ nette und ausführliche Beratung
+ gutes Poesie und Kunstbuch Programm
+ gute Lage
+ riesiges Schaufenster, welches die Auswahl widerspiegelt



Möchtet ihr neben mehr unserer Lieblingsbuchhandlungen auch andere Tipps für unser geliebtes, vielfältiges Zürich hier erfahren? Lasst es uns wissen...