Liebe Chimamanda Ngozi Adichie | Liebe Ijaewele | Buchbesprechung



Liebe Chimamanda Ngozi Adichie,

ich weiss, wie viele Privilegien ich habe, und ich schätze sie unendlich. Dennoch leben wir in Zeiten, für die ich mich schäme. Jetzt, aber auch später, wenn vielleicht meine Enkelkinder lernen, wen wir gewählt haben. Ich weiss auch, dass ich noch jung bin, mich noch stark bilden und noch viel protestieren kann, aber ich stelle mir in letzter Zeit immer wieder eine Frage: Möchte ich Kinder in eine solche Welt, in der wir leben, setzen? Und natürlich kenne ich keine Antwort darauf, werde es wohl auch nie wissen. Aber hätte ich ein Kind, würde ich es mehr als alles lieben. Denn auch wenn es so offensichtlich und gar nicht wortwörtlich einer Deiner Vorschläge ist, ist dies für mich die Grundaussage Deines Buches/Briefs. Liebe. Liebe wird immer stärker sein als Hass.
Deswegen schreibst Du auch einen Brief an Deine Freundin Ijaewele, gleichzeitig aber auch einen Brief an die Menschheit: weil Du sie liebst. Ich glaube wohl genauso stark wie du, dass es endlose unglaubliche Menschen da draussen gibt, die auch lieben, kämpfen und grossartige Ideen haben und tolles (er)schaffen, die sich auch eine bessere Welt wünschen, die ihre Kindern aufzuziehen, um wiederum solch liebende Menschen aus ihnen zu machen. Ohne, dass diese in erster Linie - oder in irgendeiner Linie - ihrem Geschlecht nachkommen müssen. Sie sollen sich entfalten können, exakt so, wie sie sind. Das wollen diese Menschen wohl für ihre Kindern, und sie wollen ihnen die Welt schenken. Ja, die Welt ist schlimm momentan, und somit wirkt das Geschenk klein, aber sie ist mit der Liebe das einzige, was wir wirklich verschenken können. Und glücklicherweise steckt sie voller Möglichkeiten. Genau das ist ja der Grund, weshalb es Menschen wie Dich gibt, welche ihre Stimme erheben und etwas kreieren. Bestimmt - hoffentlich - wird mein Kind irgendwann eloquent, künstlerisch oder musikalisch begabt sein. Das Wichtigste ist mir jedoch, dass es selbstbestimmt wir und seinen Weg durch die bestimmte immer noch nicht bloss blumige Welt finden wird. 
Mit Deinem Buch und Deinen Büchern lernst Du mich, eine bessere Feministin zu sein, sagte ich oft zu interessierten Menschen. 
Aber das ist nicht wahr. Du lehrst mich, eine bessere Person zu sein. Und dafür möchte ich Dir aus ganzem, vollem Herzen danken. Gerade auch, weil Du das für noch so viele andere tust, ihnen eine Stimme schenkst und sie an die Welt glauben lässt. Du hast uns spätestens mit Deiner letzten Veröffentlichung ganz praktisch gezeigt, wo jeder Mensch Sexismus verinnerlicht hat und wie wir damit umgehen können. Denn jeder Mensch wird nicht nur mit Liebe geboren, sondern auch einem Fünkchen Hass. Aber das ist vollkommen richtig so, denn durch den Hass lernen wir die Liebe doppelt schätzen. Und wir können aus ihm ein Feuer entfachten und dieses ein einziges Mal einsetzen, um die zu ersticken, welche Hass verbreiten. Lass uns Liebe verteilen, wie Du es tust. Mit Dir. Und unseren Liebsten. Und unseren Kindern.


danke

Alles Liebe,
Mara Luna

love is love


Diesen Monat haben Mara und ich gemeinsam mit mehreren Freunden einen wichtigen Anlass besucht. Mein Pate, Patrick Rohr, ist Fotograf und gemeinsam mit dem Rainbow Support Network nach Uganda gereist um sich ein eigenes Bild vom Leben in Afrika zu machen, dort vor Ort LGBTQI+ Menschen zu porträtieren und deren Geschichten niederzuschreiben um später darüber zu berichten. Uganda ist eines der homophobsten Ländern der Welt. Die LGBTIQ+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transexual, Intersexual, Queer and more) Community wird verachtet und verfolgt. An diesen Menschen wird Gewalt ausgeübt, sie werden zusammengeschlagen, gefoltert,  und teilweise sogar getötet. Die Regierung und die Kirche dulden keine LGBTIQ+ Menschen in Uganda. Es sind Umstände, die in unseren Ohren abartig klingen, wir können uns eine solche Lebenssituation nicht vorstellen. Dieser Abend hat uns natürlich kein vollständiges Bild von der Situation in diesem Land geben können, aber zumindest haben wir einen Eindruck davon, was für ein schreckliches Los man als LGBTIQ+ Mensch in Uganda gezogen hat.



Der Abend fand im Cabaret Voltaire statt, eine, wie ich finde, wunderbare Location für einen solchen Anlass. Es befindet sich mitten in der Altstadt Zürichs und wird als Geburtsort des Dadaismus bezeichnet. Die Räume dienten zugleich als Club, Galerie, Kneipe und Theater.
Der Abend war in drei Teile gegliedert. Anfänglich wurden wir von Patrick Rohr, meinem Patenonkel, und Jakob Keel, dem Gründer des Rainbow Support Networks begrüsst. Anschliessend hat Jakob Keel uns einen Reisebericht vorgelesen. Die beiden Männer, die auch der LGBT Community angehören, haben viel Erschreckendes gesehen und konnten einige Menschen treffen, befragen und fotografieren. Immer wenn ich solche Schreckensszenarien höre, bin ich erstaunt, wie stark diese Menschen trotz ihrer unsäglichen Lebenssituationen auch sind - Tag für Tag ringen sie sich ein Lächeln ab und versuchen aus ihrer Situation das Beste zu machen. Sie leben teilweise in Slums, abgeschottet von der Gesellschaft, womöglich von der eigenen Familie verstossen, und leben einfach  ihr Leben. Diese Leute haben eine krasse Lebensgeschichte hinter sich und versuchen vielleicht gerade deswegen so glücklich wie nur irgendwie möglich zu sein. Die Zukunft ist ungewiss. Wie sieht der morgige Tag aus in einem Land, in dem man nicht akzeptiert ist und welches erst vor kurzer Zeit sogar einen Rückschritt erlitt und die Todesstrafe für LGBTIQ+- Angehörige eingeführt hat? (Mittlerweile wieder aufgehoben, wie davor auch, aber dennoch eine massive Stagnation für Uganda.)


Im zweiten und eindrücklichsten Teil des Abends haben uns Betty und Isaac von ihrem Leben als LGBTIQ+ Ugander erzählt. Beide sind in die Schweiz geflüchtet und haben hier einen Asylantrag gestellt, Isaac ist bereits anerkannter Flüchtling und Betty muss seit zwei Jahren auf einen Entscheid warten. Die beiden haben uns die wichtigsten Punkte ihrer tragischen Lebensgeschichten erzählt. Nachdem ihre Eltern gestorben sind, als sie noch ein Kind war, ist Betty bei einem Adoptivvater aufgewachsen, welcher sie missbrauchte. Mit der Zeit hat sie herausgefunden, dass sie lesbisch ist und sich in eine Schulfreundin verliebt und mit ihr ihre erste wirkliche Sexualität erkundet. Ihr Adoptivvater platzte dann in ein Treffen der beiden und erfuhr von ihrem 'Geheimnis'. Dies hat ihr Leben völlig aus den Fugen geworfen. Daraufhin wurde sie nämlich an einen älteren Mann zwangsverheiratet. Der Mann arbeitete für die Regierung und wusste nichts von Bettys eigentlicher Sexualität. Er misshandelte und vergewaltigte sie; irgendwann war sie schwanger mit Zwillingen. In dieser Ehe musste sie sich die ganze Zeit als eine Person ausgeben, die sie nicht ist. Irgendwann sah sie eine junge, engagierte Frau im Fernsehen. Sie ist in Uganda eine bekannte Persönlichkeit, die sich öffentlich für LGBTIQ+ Ugander_innen stark macht. Diese Frau ist heute Bettys Freundin. Betty machte sie im Internet ausfindig und arrangierte ein Treffen mit ihr. Dabei wurden sie leider von ihrem Mann gesehen, dem sofort klar war, was Sache ist. Er hat Betty verboten jemals wieder Kontakt mit ihm oder ihren Kindern aufzunehmen. Nach mehreren Monaten ohne Kontakt versuchte Betty ihre Kinder heimlich zu sehen und suchte ihre Schule auf - auch hierbei sah sie ihr 'Exmann' und verbot ihr nochmals ausdrücklich, in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen und warnte sie auch davor, in ihr neues Zuhause zurückzukehren - die Polizei würde dort in wenigen Minuten eintreffen.
Die hübsche Afrikanerin war den Tränen nah, sowie wir auch. Auch Isaac hat uns seine traurige Geschichte erzählt. Er hat wie Betty im Teenager-Alter gemerkt, dass er schwul ist. Seine Eltern wollten ihn an eine Frau verheiraten, er wollte dies natürlich nicht. Seine Familie hat durch die Polizei herausgefunden, dass ihr Sohn schwul ist. Er wurde nämlich verhaftet. Isaac hat Hilfe bei engagierten Organisationen erhalten und ist untergetaucht. Seit gut sieben Jahren ist Isaac in der Schweiz, nachdem ihn seine Reise hierhin geführt hat. Wir danken den beiden aus tiefstem Herzen dafür, dass sie uns ihre Geschichte erzählt haben und solch grosses Vertrauen geschenkt haben!


Im dritten und letzten Teil des Abends wurden die wunderschöne Bilder meines Patenonkels versteigert. Zehn Bilder davon sind Porträts und eines ist ein Gruppenfoto. Vor der Versteigerung haben wir die Geschichte hinter jedem Bild erfahren. Zehn weitere schockierende Lebensgeschichten. Ein junger Mann zum Beispiel wurde gemeinsam mit Freunden an einer LGBTIQ+ Party von einer Polizei Razzia überrascht. Sein Freund sagte ihm, dass er sich aus dem Staub machen und in Sicherheit bringen sollte. Der junge Mann liess seinen Freund daraufhin 'im Stich' und machte sich tatsächlich davon. Dabei passierte ein schrecklicher Unfall: Es war stockdunkel, er konnte seine eigene Hand nicht vor Augen sehen. Er rannte und stürzte aus dem vierten Stock. Der Ugander hatte Glück im Unglück: Er ist nicht gestorben und auch nicht gelähmt. Seine Freunde haben es sogar arrangieren können, dass er unbemerkt von einem Krankenwagen  in ein entferntes Spital abtransportiert werden konnte und somit die nötige medizinische Versorgung erhalten konnte, ohne dass die Polizei etwas merkte. Die Bilder wurden für über 18'000 Schweizer Franken verkauft, was für ein Erfolg!


Alle Bilder sind urheberrechtlich geschützt und vom Fotografen Patrick Rohr. Das Rainbow Support Network ist für jede Spende dankbar, sie werden für wohltätige Zwecke verwendet. Das ist die Banknummer:

PostFinance Bank Account#89-727626-5
IBAN: CH74 0900 0000 8972 7626 5
BIC/SWIFT: POFICHBEXXX



Hier noch ein Paar Eindrücke von unseren Freunden, die an diesem Abend ebenfalls dabei waren, und uns:

Zunächst einmal fand ich es wahnsinnig toll im Cabaret Voltaire. Ich fand es extrem gefühlvoll und eindrücklich zu hören, wie  Menschen, denen solch schlimme Dinge widerfahren sind, uns davon berichtet haben. Es war sehr mutig von ihnen zu entscheiden, dass sie ihre Geschichte mit uns teilen möchten. Mich schockierte alles sehr, da wir hier in der Schweiz kaum mitbekommen, was in Uganda und anders wo passiert. Bei uns herrschen schon ganz andere Bedingungen. Mein Horizont wurde auf jeden Fall erweiterte und ich bin noch immer sehr bewegt und beeindruckt von diesem ganzen Abend!
Yanis, 16



Der ganze Abend war sehr eindrucksvoll auch wenn man selber kein LGBT Mensch ist. Uns wurden harte Geschichten Nahe gelegt und besonders das Interview hat mich beeindruckt. Der Anlass war sehr spannend und informativ, auch die Bilder haben mir gut gefallen. Die Geschichte dahinter zu erfahren machte das ganze noch berührender. 
Marc - André, 16, wollte sogar selber mitbieten, konnte aber ab einem Preis von 500.- nicht mehr mithalten

Ich finde diese Stiftung super. Dieser Abend hat mir vor Augen geführt wie ungerecht Homosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle und allgemein anders sexuell orientierte Menschen in Uganda verachtet, unterdrückt und diskriminiert werden. Diese Stiftung unterstützt und beschützt diese Menschen und sorgt dafür, dass sie sicher sind und eine Gemeinschaft haben, wo sie sich wohl fühlen. Sie können FreundInnen finden und sich selbst sein und müssen sich nicht verstellen, nicht in ständiger Angst leben, dass jemand ihr "anders" sein bemerken könnte und sie verhaftet werden. Ich finde es super und freue mich, dass sich jemand für diese Menschen einsetzt.
Leonie, 15



Ich bin noch immer absolut geflasht von diesem Abend. Ich habe so viel Neues erfahren, so viel Erschreckendes gelernt und bin so unendlich froh die Möglichkeit gehabt zu haben ins Cabaret Voltaire zu fahren und diesen Anlass mitzuerleben. Ich bin zu tiefst geschockt und beeindruckt von allem, was ich diesen Abend gehört habe. Die Geschichten dieser wunderschönen Menschen haben mich zu Tränen gerührt. Ich wurde selten so inspiriert wie im Cabaret Voltaire. Einmal mehr habe ich gemerkt, dass stilles Rumsitzen nichts bringt und dass wir Dinge ändern müssen. Ich möchte selber in Länder reisen, den Menschen helfen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Ich möchte etwas tun, mich einsetzen, auch wenn ich nicht selbst davon betroffen bin. Es gibt noch so viel zu tun auf dieser Welt, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen sollte zu helfen. Ich bin so stolz auf meinen Götti, es braucht mehr solche guten Menschen, die sind wie er und die Mitarbeiter des Rainbow Support Networks. Ich kann es kaum glauben, dass wir in einer Welt leben in der wir es mit solchen Problemen zu tun haben. Liebe sollte einfach Liebe sein - und jeder hat das Recht zu lieben, wen oder was auch immer er möchte.
Anaïs Elsa, 15


Dieser Abend war ein sehr aufschlussreicher. Mir ist natürlich bewusst, dass nicht heterosexuelle Menschen in vielen Ländern, Kulturen und Religion nicht akzeptiert werden. Trotzdem vergisst man das oft, denn in unserem Umfeld (Land, Politik, Bildung...) sind wir niemals in solchem Ausmass, wie am Beispiel von Uganda, mit diesen "Konflikten" konfrontiert. Damit möchte ich nicht sagen, dass es keine Konflikte unterschiedlicher Sexualitäten gibt, nur niemals so schlimme. Sehr berührend und leider tragisch waren die Geschichten von Betty und Isaac, sowie aller anderen auf den Bildern. Mich hat dieser Abend aufgeklärt und daran erinnert, was es heisst lesbisch, schwul, transsexuell, bisexuell etc zu sein, in einem Land, das so funktioniert und denkt wie Uganda.
Lya, 15, >Sollte man nicht verpasst haben.<



Ich werde unheimlich oft gefragt, weshalb ich soviel lese. Es ist nunmal so, wenn auch es eine der allerschwierigsten Realisierungen ist, dass wir bloss ein Leben haben, so simpel dies auch klingt. Es ist von absolutem Zufall bestimmt, dass ich als heterosexuelle, weisse Frau in der Schweiz geboren wurde. Die Verschiebung einiger dieser Attribute bringt viele Menschen in Lebensgefahr, weil einfach massive Teile dieser Welt noch in einem beinahe mittelalterlichen Weltbild feststecken und sogenannte 'Andersartigkeit' nicht akzeptieren wollen. Sie werden nicht nur diskriminiert, sondern oft auch angegriffen, ihren Rechten beraubt oder von der Zivilisation abgeschottet. Ich lese, weil ich mich so in andere Leben hineinversetzen kann, um zu erfahren, welche Vielfältigkeit ein Leben bietet und wie ich hätte aufwachsen können. All dies macht mir auch klar, dass ich in meinem einen Leben anderen Menschen helfen muss, die es nicht so gut getroffen haben wie ich, auch wenn ich absolut nichts dazu beigetragen habe. Und in vielerlei Hinsicht war dieser Abend wie ein unglaublich gelungenes Buch. Mein Horizont wurde erweitert und ich erfuhr von Schicksalen, die Menschen teilen, die unmittelbar neben mir im Raum anwesend sind, die nun hier leben und vielleicht scheinbar von den gleichen Privilegien wie wir Schweizer_innen profitieren - aber was sie hinter sich haben (und teilweise mit unserem zerrütteten Asylwesen auch noch vor sich haben) sehen wir ihnen natürlich nicht auch, wenn auch ihre intensive Ausstrahlung mich in ihren Bann zog. Diese ging von den zwei Personen aus, die gesprochen haben, aber scheinen auch aus den Augen, die Patrick Rohr so roh eingefangen hat.
Ich persönlich liebe Projekte, in denen soziales / politisches Engagement auf verschiedene Ausdrucksformen der Kunst prallen und so war ich auch von diesem Konzept fasziniert. Dass dieses Projekt für die beiden Hauptakteure Jakob Keel und Patrick Rohr lebensverändernd war, sah man ihnen an und hörte man aus jedem Wort, dass sie an diesem Abend mit uns teilten. Ausserdem haben sie den Nerv der Zeit und des (zugegebenermassen eher einseitigem) Publikum getroffen und konnten uns alle in den Bann ziehen mit ihrem stimmungsvollen Abend.
So verstörend und aufwühlend die einzelnen Schicksale auch waren, trug der Abend vor allem auch einen kräftig leuchtenden Funken Hoffnung in sich, dessen Strahlen uns alle verband. Nicht nur die Menschen, die in dieses Projekt verwickelt waren, sondern alle Menschen im Raum verstanden, dass wir dieses eine Leben und diese Privilegien haben, um einen Grossteil davon Menschen zu schenken, die eben zufälligerweise ohne diese geboren wurden.
Mara Luna, 16



Der Abend im Cabaret Voltaire war für mich sehr lehrreich und beeindruckend. Als ich mit Anaïs im Cabaret Voltaire ankam, wurden wir herzlich von ihrem Götti empfangen, welcher mit seinem Team nach Uganda reiste, um dort homosexuelle (etc.) Menschen kennenzulernen, welche dort ihre Identitäten verstecken müssen, um nicht verfolgt oder gar umgebracht zu werden. Anaïs' Götti hat sich somit in Lebensgefahr gebracht, um uns die Realität in anderen Ländern näher zu bringen, was meiner Meinung nach sehr lobenswert und vorbildlich ist. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich über aktuelle Themen zu informieren und einzusetzen, auch wenn man selber nicht davon betroffen ist. Am späteren Abend wurden eine homosexuelle Frau und ein homosexueller Mann interviewt. Ich konnte nicht fassen, welche Schicksalsschläge diese beiden jungen Menschen bereits in jungen Jahren erlitten haben - nur aufgrund ihrer Sexualität. Was mich aber abgesehen von der Thematik sehr beeindruckt hat, war, wieviele Leute von verschiedenem Alter zu diesem Anlass erschienen sind.
Fabia, 16

Yannick, 16


Alle Beteiligten an diesem Post bedanken sich ganz herzlich an Patrick Rohr, Jakob Keel und dem Rainbow Support Network für diesen spannenden und aufschlussreichen Abend. 

Grenzlandtage von Peer Martin und Antonia Michaelis | Buchbesprechung


Zwei Wochen Ferien liegen vor Jule, zwei Wochen Frühling auf einer winzigen griechischen Insel. Das Meer ist blau, die Nächte sternenklar, und das Dorf duftet stets nach frischem Brot. Alles scheint perfekt. Bis Jule den Jungen mit der verbundenen Hand trifft. Bis sie begreift, wer er und die anderen sind, die im Verborgenen leben. Jules Welt gerät aus den Fugen. Denn das Meer ist ein Grab, das Dorf ein Ort des Misstrauens, und die Nächte sind kalt. Und quer durch die Wellen läuft eine Grenze, die niemand sieht. Eine tödliche Grenze.


Oetinger | Original Deutsch | Taschenbuch | 13,99 Euro [D]

Ich konnte meinen Augen zuerst gar nicht trauen, aber schlussendlich hielt ich dann selbst ein Exemplar in der Hand. Tatsächlich, Antonia Michaelis, die Worte in Bilder verwandelte, Buchstaben in wundersame Kreaturen und Texte in flüssiges Gold, und Peer Martin, der scharf und dennoch feinfühlig von brisanten Themen berichtet und die geschickt und galant einzubauen weiss, der mich absolut und völlig von seinem 'Sommer unter schwarzen Flügeln' überzeugen konnte, dass ich fast schon mit tatsächlich hohen Temperaturen mitfieberte, ob der Roman nun den wohlverdienten deutschen Jugendbuchpreis gewinnen wird oder nicht. (Übrigens - ja, hat er dann glücklicherweise auch.)



Davon abgesehen ist schwer in Worte zu packen, welche Vorfreude mein Blut durchfloss, während ich kaum erwarten konnte, mich ihn ihren verwebten Worten zu verlieren. Vorfreude ist die schönste Freude, fällt mir da prompt ein, aber ich muss diese Redewendung wohl zum ersten Mal wirklich negieren. Vielleicht auch nicht ganz, denn so toll und bewegend das Lesen war, so harte Themen packt das Buch auch in Worte. Es ist nicht immer ganz leicht, Jugendliche zum Lesen zu bewegen. Und wenn, hängen sie oft in Fantasywelten umher. Dabei sind sie in diesen Zeiten wohl am stärksten - nun ja, gut, auch wenn ich mit der Wortwahl nicht ganz zufrieden bin - am beeinflussbarsten. So kann sich eine Erfahrung, so hat sich das Buch nämlich angefühlt, unglaublich prägend auswirken. Ich greife zu so vielen Bücher aus einer gewissen Art von Wissbegierigkeit - nein, ich bin nicht eine, die liebend gerne zur Schule geht, aber wenn ich bedruckte Seiten sehe und mir vorstelle, wie viel mehr ich danach wissen, kennen, erfahren habe, dann kann ich mich nur schwer zurückhalten. Und dieses Buch hat mir unglaublich viel gegeben. Dabei bin ich nicht mal so unwissend oder unpolitisch wie unsere Protagonistin Jule, im Gegenteil, ich beschäftige mich viel mit der Flüchtlingskrise und Flüchtlingen selber, sowie deren Situation hier in der Schweiz. Trotzdem konnte ich mich unglaublich gut mit Jule identifizieren. Sie ist 17 und macht gezwungenermassen alleine Ferien auf einer griechischen Insel, und nicht nur ist mein Traum schon lange mal das eigene Verreisen, das Entdecken auf eigene Faust, diese Selbstbestimmtheit zu spüren, nein, ich war auch schon zweimal auf griechischen Insel und habe das Lebensgefühl und die Mentalität dort tief eingesogen. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, wenn ich ganz ehrlich bin. Denn die Gerüche, die Klänge, das Gefühl von Freiheit und Unbändigkeit wird so voller Inbrust beschrieben, dass ich mit Jule mitgereist bin und auf dieser kleinen griechischen Insel gelandet bin, ganz unverhofft, aber unglaublich glücklich.

Durch die Geschichte ziehen sich der Schmerz von neuen intensiven Erfahrungen und Begegnungen wie durch das echte Leben, prägende Momenten wird so schmerzvoll Eindruck geschaffen, als hätte sich wirklich etwas durch die Haut gebrannt. Antonia Michaelis schreibt schon lange so, als würde sie mehr als andere Autor_innen verstehen. Sie reiht nicht nur Worte aneinander, um eine andere Realität wiederzugeben, sie weiss auch die Fantasie, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, ihre Düsterheit und manchmal eben auch ihre Verletzlichkeit, so wie hier. Peer Martin kenne ich da leider schlecht, aus seiner eigenen Feder habe ich bisher 'nur' etwa 500 Seiten gelesen, aber sie haben mich von ihm absolut überzeugt, als brillianter Geschichtenerzähler, der nicht nur weiss, wie man mit Romantik umgeht, sondern auch so viel mehr macht, als man von der Ausgangslage erwarten würde. Sie beide in Kombination, und ich weiss, davon habe ich nun schon oft geredet, haben ein beinahe zeitloses Werk geschaffen, dass wie kein vergleichbares von Anfang bis zu Ende erzählt. Es spielt nicht, wie viele andere, im Land der Asylanträge. Es spielt auch nicht eine ganze Flucht durch, denn sie scheinen genau zu wissen, dass es für jemanden ohne solche Erfahrung unmöglich ist, eine Erlebnis wie dieses nachzukonstruieren. Hingegen wissen sie genau, wo wir stehen, wie wir mit Flüchtlinge in Kontakt kommen könnten und spielen das ganze Szenario durch, voller Unverständnis und Verleugnung manchmal, aber am Ende ist es die Wahrheit, die Ehrlichkeit, die tief in uns allen steckt, die siegt. Und ich weiss, wie unglaublich kitschig sich das jetzt anhören mag, deswegen möchte ich euch eine der schönsten Liebesgeschichten empfehle, eines der wichtigsten und prägendsten Bücher für Jugendliche, die jetzt während der Flüchtlingskrise scheinbar 'normal' weiterleben - lest dieses Buch, bitte.